Ändere den Aggregatzustand deiner Gefühle

Ich möchte heute versuchen, einen Beitrag zu schreiben, nicht über den Aussenraum, nicht über den Innenraum, sondern über meinen allerinnersten Raum. Ich habe im Juni meinen Vater innerhalb eines Monates an den Krebs verloren und seither kaum geschrieben. Weder für mich, noch für andere. Ich konnte nicht, ich wollte nicht. Ich konnte nicht, weil ich meine spärlich vorhandene Energie auf das Wesentliche konzentrieren musste. Weil ich damit beschäftigt war, einfach zu funktionieren. Weil die Trauer wie Hochnebel über mir lag, mir durch Mark und Glieder kroch. Ich konnte nicht, weil Innen- und Aussenräume zeitweilig verschwammen, Grenzen zwischen Gedanken, Erinnerungen und Realität sich auflösten. Und ich wollte nicht, weil: wie konnte ich diese komplexen Gefühle in Worte fassen? Würden sie dadurch nicht unmittelbar zu etwas Trivialem degradiert? Ich wollte nicht, weil ich Angst hatte, zu vergessen und in den Alltag zurückzukehren. Ein Alltag, der nie mehr so sein würde wie früher.

Vor ein paar Wochen gelang es mir, in meinem Inneren wieder Raum zu schaffen. Es war kein bewusster Entscheid, kein plötzlicher Tatendrang, sondern vielmehr eine schleichende Erkenntnis als Folge einer längst vergangenen Inspiration. Im Frühjahr besuchte ich ein Theaterstück meiner Freundin Noémie mit dem Titel „Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer“. Ich habe das Stück damals leider nicht verstanden, doch, da ich mich selbst in einer Trauerphase befand, ergab dieses Bild von schmerzhaften Gefühlen plötzlich Sinn. Mein Schmerz, meine Trauer, meine Fassungslosigkeit und Angst waren omnipräsent und ich konnte sie nicht unmittelbar auflösen. Was aber wäre, könnte ich sie in eine andere Form bringen? In eine Form, die mir ermöglichen würde, sie besser zu verarbeiten und mich im Alltag zurechtzufinden. Was, wenn meine Trauer, die wie Blei in mein Herz gegossen wurde, gasförmig würde? Könnte ich dann wieder besser atmen, mich leichter und freier bewegen? In der Chemie fand ich meine Antwort: Beim Übergang in den gasförmigen Aggregatzustand ändern sich Stoffe nicht in ihrer molekularen Zusammensetzung, die einzelnen Moleküle aber erhalten mehr Raum und werden dadurch besser trenn- und erkennbar. Würde dasselbe mit meinen Gefühlen passieren, wusste ich, dass ich den Aggregatzustand meiner Gefühle ändern musste. Ich war überzeugt, dass die Entwirrung und Lichtung meiner vielschichtigen Gefühle, ihr Erkennen und Benennen grosse Erleichterung bringen würde.

vergleichAber wie bloss sollte ich meine Gefühle sublimieren oder verdampfen? Um diese Prozesse einzuleiten, habe ich in den vergangenen Wochen eine „Liste zum Leben Verbessern“ zusammengestellt. Eine Liste mit Aktivitäten und Passivitäten, die mich inspirieren, mich beruhigen, mich berühren oder mich ablenken, die mir in unterschiedlicher Art und Weise helfen, Raum zu schaffen für die vielen Gefühle, die kondensiert in meinem Innern pochen. Die Liste hängt nun in meinem Büro und in meiner Wohnung und, wann immer sich alles in mir zusammenschnürt und ich in einem Meer an Emotionen unterzugehen drohe, hält sie mir verschiedene Möglichkeiten vor Augen, dieser Ohnmacht zu begegnen.

ListeLebenVerbessernFranz Kafka, der Lieblingsschriftsteller meines Vaters schrieb einst: „Wenn ich etwas sage, verliert es sofort und endgültig die Wichtigkeit, wenn ich es aufschreibe, verliert sie es auch immer, gewinnt aber manchmal eine neue.“ Ich hoffe, dass in diesem Beitrag für einige von euch eine (neue) Wichtigkeit liegt, sei es die Inspiration, eine eigene „Liste zum Leben Verbessern“ zu schreiben, die Gefühle zu verdampfen oder Gedanken mit Stift und Papier aus der Innen- in die Aussenwelt  zu bringen.

kafka

3 Gedanken zu „Ändere den Aggregatzustand deiner Gefühle

  1. Ein sehr schöner Text. Hat mich sehr inspiriert. Ich bin zwar noch ganz am Anfang des Bloggens, aber es macht mir unglaublich Spaß 🙂
    Grade habe ich auch eine längere Pause hinter mir, weil mir einfach die Muse fehlte. Umso größer der Tatendrang.
    Zu deinem Thema: ich habe zwar in letzter Zeit niemanden verloren, aber was ich weiß ist, dass es am besten ist in solchen Situationen den Schmerz und die Trauer zuzulassen, ihn zu akzeptieren. Ohne dieser Akzeptanz wird kein Schritt vorwärts gelingen.

    Fühl dich gedrückt…aus dem kalten Norddeutschland 🙂
    Senga

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