Leben auf grossem Fusse

Ich trage Schuhgrösse 37 bis 38 und bin folglich mit einer für Schweizer Frauen durchschnittlichen Fussgrösse und einem wunderbar vielseitigen Schuhangebot gesegnet. Mein ökologischer Fussabdruck liegt bei 2.3 und damit nur wenig unter dem Schweizer Durchschnitt. Eine derartige ökologische Fussgrösse ist leider kein Segen. Nicht für mich und erst recht nicht für die Erde. Meine persönliche Bilanz zeigt, dass ich dem vielfältigen Angebot an Tretern wohl etwas zu oft nachgebe. Ernüchternd, wie tief die Spuren sind, die ich hinterlasse, obwohl ich doch in vielen Bereichen versuche, nicht auf allzu grossem Fusse zu leben. 

Der ökologische Fussabdruck (ecological footprint) ist ein Mass für die Fläche an Erde, die notwendig ist, um den Lebensstandard eines Menschen, eines Landes oder der gesamten Erdbevölkerung unter heutigen Produktionsbedingungen dauerhaft zu ermöglichen. Der Indikator beinhaltet Land- und Wasserflächen, die zur Produktion von Kleidung oder Nahrung, zur Bereitstellung von Energie, aber auch zur Entsorgung von Müll oder zur Bindung von emittiertem Kohlenstoffdioxid benötigt werden. Weil der ökologische Fussabdruck auch „Abfälle“ berücksichtigt und damit eine ganzheitliches Abbild der menschlichen Lebensweise zu erfassen versucht, gilt er als die zur Zeit umfassendste Messgrösse für Nachhaltigkeit. Der ökologische Fussabdruck wird in globalen Hektar pro Person und Jahr angegeben. Sehr oft wird er zusammen mit einem anderen Mass, der Biokapazität, verrechnet. Dabei werden zwei Flächen zueinander in Beziehung gesetzt: Die für einen Menschen durchschnittlich verfügbaren Land- und Wasserflächen (Biokapazität) und diejenigen Flächen, die zur Erhaltung des menschlichen Lebensstils benötigt werden (ökologischer Fussabdruck). Übersetzt in die ökonomische Terminologie: das Angebot und die Nachfrage. Bilanziert man diese zwei Grössen, kann man eine Aussage darüber machen, wie viele Planeten zur Befriedigung der Bedürfnisse eines Menschen oder einer Bevölkerung benötigt werden. Nachhaltig wäre eine Bilanz mit dem Wert 1 Planet: In diesem Falle würden wir auf ein Jahr betrachtet so viele Rohstoffe konsumieren und Schadstoffe ausstossen, wie die Erde produzieren, respektive absorbieren, kann.

Bilanz weltweit

Bilanz weltweit

Aktuell umfasst die Bilanz der Weltbevölkerung 1.5 Planeten. Der durchschnittliche ökologische Fussabdruck beträgt 2.7 ha pro Person, die Biokapazität allerdings nur 1.8 ha pro Person. Die Nachfrage nach Ressourcen überschreitet also die Kapazität der verfügbaren Flächen um insgesamt 50%. Oder zeitlich ausgedrückt: Die Erde benötigt 1.5 Jahre, um die Rohstoffe zu produzieren und Schadstoffe aufzunehmen, die wir pro Jahr verbrauchen oder ausstossen. Die Inanspruchnahme der Fläche verteilt sich sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Regionen: die Europäer benötigen im Schnitt 4.7 ha pro Person, der Kontinent kann aber nur 2.2 ha pro Person zur Verfügung stellen. Die europäische Biokapazität wird also um über 100% überbeansprucht. Nordamerika zeigt mit einem ökologischen Fussabdruck von 6.2 ha eine sehr verschwenderische Lebensweise, kann aber mit einer Biokapazität von 4.2 ha dank grossen Flächenressourcen einen Grossteil dieser Nachfrage abdecken. Kanada mit einem noch grösseren Verbrauchsindex von 6.4 schreibt, dank endloser unberührter Naturreserven, eine der grössten Überschüsse in der Bilanz weltweit, nämlich 8.4 ha pro Person. Auch wenn die Methodik äusserst transparent und wissenschaftlich untermauert ist, drängen sich hier Fragen auf: auf welchem Level sollen wir bilanzieren? Dürfen die Kanadier um Grössenordnungen mehr konsumieren als die Inder, bloss weil sie in einem weitläufigen Land mit kleiner Bevölkerungsdichte geboren wurden? Ist die Bilanz ein aussagekräftiges Mass? Wie gehen wir in einer globalisierten Welt mit dieser Angebot-Nachfrage-Situation um? (Ganz ehrlich: Ich persönlich habe keine Antworten zu diesen Fragen. Kommentare von Ökonominnen, Ökologen, von Künstlerinnen und Hausmännern, von dir, sind herzlich willkommen).

Biokapazität

Biokapazität

Ökologischer Fussabdruck

Ökologischer Fussabdruck

Bilanz

Bilanz

Die Schweizer Bilanz ist wie erwartet schlechter als die globale: gemäss WWF sind 2.8 Planeten nötig, um unsere Bedürfnisse zu decken, die Ecological Footprint Association spricht von wesentlich mehr. Am 8. Mai, also vor etwas mehr als zwei Wochen, habe ich die Schlagzeile „Ab morgen lebt die Schweiz auf Pump“ gelesen. Die Schweizer Bevölkerung hat an diesem Tag alle Ressourcen verbraucht, die ihr für das ganze Jahr 2014 zustehen würden. Eine sehr bedenkliche Tatsache, wenn man es sich genau überlegt. Stell dir vor, du hättest alle deine finanziellen Ressourcen, also dein Jahreseinkommen, bereits vor zwei Wochen aufgebraucht. Alle Gegenstände, Aktivitäten, Lebensmittel, Mieten, Versicherungen, usw. die du in den verbleibenden Monaten des Jahres zahlen musst, könntest du bloss „auf Pump“ von Eltern, Freunden oder Kreditanstalten zahlen. Würdest du dich dabei gut fühlen? Ich bestimmt nicht. Glaube mir, ich möchte hier nicht die moralische Kelle schwingen, zumal ich – wie der Rest dieses Artikels zeigen wird – keinen Deut besser bin. Fakt ist dennoch, wenn alle so leben würden wie wir Schweizerinnen und Schweizer, wären 2.8 Planeten notwendig, um unsere Ressourcenansprüche zu decken. Unsere nationalen Umweltbelastungen entstehen vor allem durch den allgemeinen Konsum (31%), durch die Ernährung (28%), das Wohnen (19%) und die private Mobilität (12%).

Schweizer Bilanz

Schweizer Bilanz

Empört oder frustriert oder neugierig oder schuldbewusst oder wissenshungrig oder idealistisch habe ich in Folge meinen persönlichen ökologischen Fussabdruck berechnet. Die Resultate waren leider, wie einleitend erwähnt, so gar nicht idealistisch, so gar nicht meinen Vorstellungen, meinem Bild von mir entsprechend, sie waren ernüchternd, brandmarkend, verurteilend. Meine Bilanz liegt bei 2.3 Planeten. WWF betitelt das immer noch als „in etwa dem Schweizer Durchschnitt entsprechend“. Ich persönlich würde da ja – ohne mich meiner globalen Verantwortung entziehen zu wollen – doch noch einen Unterschied zu den 2.8 Planeten des durchschnittlichen Schweizers machen. Aber vielleicht bin ich da auch zu fest Mathematikerin. Oder klammere mich zu fest an meine (offensichtlich inexistente) Integrität. Dennoch, lieber WWF: wie tief kann ein/e Schweizer/in in ihrem/seinem ökologischen Fussabdruck bei eurem Test minimal liegen?

Eine Analyse meiner ehrliche Beantwortung des Fragebogens zeigt klar, dass ich mich ressourcentechnisch in den Bereichen Wohnen, Ernährung und Mobilität unter dem Schweizer Durchschnitt bewege. Mein Konsum hingegen scheinwwfmeinabdruckt weit über dem Schweizer Durchschnitt zu liegen. Oder weit über dessen, was ökologisch nachhaltig wäre. Ich habe angegeben, dass ich pro Monat bis zu 1500 CHF zusätzlich zu Lebensmitteln und Miete für den persönlichen Konsum ausgebe. Das stimmt. Sind wir ehrlich: einmal pro Monat im Restaurant dinieren kostet in Zürich 100 CHF. Mein Jahresabo für das Yogastudio (die wohl eindeutigste Konsumsportart) kostet ca. 200 CHF pro Monat. Zwei bis drei Geburtstagsgeschenke pro Monat summieren sich auf ca. 300 CHF (nicht, weil ich sehr teure Dinge verschenke, sondern weil ich Dinge selber mache, und die Rohmaterialien sehr teuer sind). Zwei- bis achtmal pro Monat Freunde zu einem Apéro einladen: 40-400 CHF variierend, am Flohmi eine Bluse absahnen: 20 CHF, ein Paar Schuhe für die Hochzeit kaufen: 150 CHF, Geburtstagsessen meiner besten Freundin: 100 CHF. Sind wir ehrlich: 1500 CHF pro Monat als noch-kinderlose Person in der Schweiz sind weder extrem unvernünftig, noch äusserst bonzig oder unverhältnismässig verschwenderisch.

Meiner misslichen Lage, beziehungsweise der misslichen Lage unseres Planeten bewusst, frage ich mich: was kann ich tun gegen meine schlechte Bilanz? Also, was kann ICH tun gegen meine schlechte Bilanz? WWF rät: «Unseren ökologischen Fussabdruck können wir durch umweltgerechtes Verhalten senken. Zum Beispiel, indem wir unseren Fleischkonsum reduzieren, für die Mobilität auf Zug, Tram und Bus setzen und beim Ersatz eines elektrischen Gerätes nur das effizienteste kaufen.“ Das Problem ist: genauso handle ich. Ich spende an WWF und Greenpeace, kaufe saisonale und lokale Produkte, ich fahre mehrheitlich Fahrrad, ab und zu ÖV, selten Auto, ich kompensiere den CO2-Ausstoss meiner Flüge, ich trenne natürlich den Abfall. Ich möchte keineswegs WWFs Ratschläge in Frage stellen, aber es scheint, dass ich als Schweizerin, auch bedacht meines Energie- und Ressourcenkonsums, einfach zu viel verbrauche. Ich bin mir einiger Freunde in meinem Umfeld bewusst, die sicher einen Viertel meines als zusätzlichen „Konsum“ ausgewiesenen Kredits ausgeben. Aber dennoch: selbst die ÖV schlagen in der Schweiz so stark zu Buche, dass es schwierig ist, eine persönliche Bilanz von einem Planeten zu erreichen. WWF betont weiter, es brauche den Einfluss und den Druck von Wirtschaft und Politik, um einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen zu etablieren. Da bin ich ganz der Meinung der NGO. Allerdings möchte ich mich persönlich von diesen exogenen Einflüssen emanzipieren und meine individuellen Potentiale nutzen, einen effizienten Umgang mit den Ressourcen zu schaffen. Schritt für Schritt Richtung eines kleineren ökologischen Fussabdruckes. Bequeme Schuhe, Tussischuhe oder andere wegweisende Treter sind herzlich Willkommen!

Und nun, tretet die Schwermütigkeit oder Trostlosigkeit oder Frustration oder Resignation mit euren Füssen und hinterlässt Fussabdrücke, die Spass machen und euch oder anderen Beschenkten Freude bereiten. Viel Spass beim Experimentieren, lasst euren Füssen und Ideen freien Lauf.
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Quellen und weiterführende Links:
[1] Global Footprint Network
[2] WWF Schweiz Footprint Rechner
[3] Wikipedia (immer verwendet, nie zitiert)

2 Gedanken zu „Leben auf grossem Fusse

  1. Interessanter, anschaulicher Beitrag.
    Was ich nicht ganz begreife: man kann doch den Fussabdruck, z.B. bei der Ernährung, nicht anhand des ausgegebenen Geldes berechnen! (Verstehe ich da was falsch.) Gerade ökologisch produzierte Nahrung kostet doch mehr.

  2. Der Fussabdruck wird nicht anhand des Geldes berechnet, sondern anhand der benötigten Fläche. Aber auch da trifft deine Bemerkung ins Schwarze: ein extensiv bewirtschaftetes Feld zum Beispiel produziert weniger an Nahrung, als ein intensiv bewirtschaftetes. Es sind also viel mehr ha für dieselbe Produktionsmenge erforderlich. Der ökologische Fussabdruck steigt, obwohl es für die Böden längerfristig natürlich viel gesünder ist. Der Fussabdruck ist eine Momentaufnahme. Und benünstigt insofern, sehr technikintensive, flächenauslaugende Massnahmen. Noch ein Schwachpunkt. Aber dennoch eben, ein aggregiertes Mass, das verständlich und kommunizierbar ist.

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