Smells like green spirit

Gerne würde ich ja behaupten: Blumen und ich – eine lebenslange Liebesgeschichte. Die traurige Wahrheit aber lautet: Blumen und ich – ein lebenslängliches Missverständnis. Eigentlich mag ich sie ja, die Blumen, so wild wuchernd auf einer extensiven Wiese. Oder zwischendurch einmal gebunden zum Strauss. Aber sie scheinen mich nicht zu mögen. Ich glaube, ich habe ihnen im Laufe der letzten 30 Jahre einfach zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Im Kindergarten und in der Primarschule mussten zahlreiche Büsche, die meinen Heimweg flankierten, grosse Qualen erleiden: ich zerrte ihre Blätter im Vorbeischlendern gedankenverloren von den Ästen. In der Oberstufe krizzelte ich im Gefühl eine äusserst tiefgründige, philosophische Frage zu verbreiten auf alle erdenklichen Oberflächen: „Sind Menschen Blumen?“. Während meines Studiums war ich genötigt, etwa 100 Pflanzen mit deutschem und lateinischem Namen, mit Blütenformel, Farbe, Wuchsrichtung und was auch immer den Taxonomen sonst noch so interessiert, zu lernen. Was ich eigentlich nur wegen Linus (Name von der Redaktion geändert) durchgestanden habe. In den war ich verliebt und der hätte mir sogar die Welt der Rennautos schmackhaft machen können. Nach meinem Studium machten sich mein Mitbewohner und seine Freundin einen Spass daraus, mich Blumennamen (nur deutsch ohne jegliche Zusatzinformation) raten zu lassen. Es stellte sich heraus, dass ich eine Ranunkel nicht von einer Pfingstrose unterscheiden kann. Und eine Betunie nicht von einer Geranie. Dass mir alle Zimmerpflanzen unter der Hand wegsterben, versteht sich von selbst. Meine grosse Pflanze im Büro wird von einem Arbeitskollegen gewässert, der Mitleid mit mir hat. Oder mit der Pflanze. 

blumen

Trotz dieser denkbar schlechten Voraussetzungen nahm ich vor ein paar Wochen die Aufgabe in Angriff, eine Blumendekoration für meinen 30. Geburtstag zu gestalten. Ich knallte also Nirvana rein und versuchte mich, mit Hilfe von Kurts Spirit (jedoch ohne Marihuana) in die Welt der Blumen zu begeben. Eine Stunde später war die zündende Idee noch nicht gefunden, aber zumindest klar, welche Eigenschaften die Blumendekoration denn aufweisen sollte: a) Farben mit Grün kombinieren, b) Günstig sein (das Fest kostete genug sonst), c) Cool und grungy daher kommen, ein bisschen teenie und ein bisschen erwachsen, so (gegensätzlich) eben wie ich mich mit 30 Jahren fühle, d) Nachhaltig blühen, bzw. nicht gerade nach einem Tag verwelken, e) Am Ende des Festes für Gäste als Geschenk dienen. Im Resüme war dieser Ausflug in die gedankliche Blumenwiese ganz erfolgreich.

Die Idee für mein finales Blumenkonzept fiel mir aber erst ein paar Tage später ein. Ich stand im Coop und betrachtete die mickrigen und bünzligen kleinen Stöckchen. Daneben standen in voller grüner Blüte und mit herrlich lockendem Duft Basilikum, Thymian, Pfefferminz und Co. Ich erinnerte mich der vielen kleinen Blechtöpfchen, die wir zu klein für unser Blumengestell in der IKEA gekauft hatten, ich überlegte, dass jeder Mensch gerne frische Kräuter zu Hause zieht und in meinem Kopf zeichnete sich ein Bild meiner ganz persönlichen Blumendeko: Kräuterstöckchen mit farbigen künstlichen Blumen. Natürlich und künstlich, gegensätzlich, nachhaltig, farbig, etwas edgy, ein tolles Give-away. Ausserdem günstig zu erwerben und einfach zu machen.

deko

Einen Tag vor dem Fest (bei meinem grünen Daumen wären die Pflänzchen sonst längst wieder tot), räumte ich die Gewürzpflänzchen-Abteilung des Coops leer: Basilikum, Rosmarin und Pfefferminze sollten es in meinem Falle sein. In einem Dekorationsladen kaufte ich verschiedene künstliche farbige Blumen, die ich zu Hause mit einer Zange auf die gewünschte Länge drimmte und in verschiedenen Kombinationen in die Gewürztöpfchen steckte. Silbern-blecherne Übertöpfchen von IKEA rahmten meine Arrangements ab. Auf dem Ess- und Partytischen ergänzte ich die Töpfchen mit Kerzen, die ich auf alte Weinflaschen geschraubt hatte. Et voilà! Fertig war die Dekoration, die nicht nur sehr hübsch aussah, sondern auch meiner Person entsprach und eine (abstrakte, florale) Momentaufnahme meiner aktuellen Lebensphase darstellte. Wenn sich denn die Gäste überhaupt solche Gedanken machten. Wovon ich nicht ausgehe. Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann: ein/e jede/r hat sich über das Geschenk auf den Heimweg gefreut.

tisch

Nun, in Anbetracht dieser gelungenen Dekoration habe ich meine Beziehung zu Blumen überdacht. Manchmal reisse ich immer noch gedankenverloren Blätter von Sträuchern. Ich weiss immer noch nicht, ob Menschen Blumen sind. Ich kenne wenig Blumennamen. Ich mag Pfingstrosen, Ranunkel, Mohn, Lilien. Ein Blumenstrauss oder eine einzelne Blume als Überraschung erfreuen mich ab und zu. Aber noch mehr geniesse ich die Blumen in der Natur und lebende Stöcke, deren Wachstum ich mitverfolgen kann, wenn sie denn länger als ein paar Tage überleben.

In diesem Sinne:

Ich habe euch heute eine Blume nicht gepflückt, um euch ihr Leben mitzubringen.

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