Es werde Licht

Meine erste Jagd auf Nordlichter in Tromsø (Nord-Norwegen) startete eigentlich vielversprechend. Die Wettervorhersage prognostizierte klaren Himmel und rege Lichtaktivität. Punkt Mitternacht riss mich mein Wecker aus dem friedlichen Schlaf und dem geheizten Zimmer in die eiskalte (-20°C) Dunkelheit. Mit Fotoapparat bewaffnet hüpfte, tanzte und fluchte ich durch die nächsten Stunden. Der Himmel wog pechschwarz über mir, nicht das geringste Anzeichen eines leuchtenden Funkens. Immer mehr Wolken zogen auf und liessen die Hoffnung auf das Naturspektakel einen langsamen Tod sterben. Etwas Glögg aus dem Flachmann meines norwegischen Mitbewohners ölte die trockene Kehle und wärmte den eingefrorenen Körper ein wenig. Aber wirklich nur ein wenig. Nach geschlagenen vier Stunden sank ich erfolglos, frustriert, müde und unterkühlt wieder ins Bett. Meine zweite Jagd auf Nordlichter verlief haargenau gleich wie die erste. Nur Mitbewohner und Glögg fehlten. Der dritte Versuch entschädigte für alle Warterei, für eingefrorene Gliedmassen, für Schlafmangel bei der Arbeit. Plötzlich, ich hatte in meiner Ungeduld die Hoffnung schon fast wieder aufgegeben, leuchteten wie von Zauberhand gepinselt grüne Schleier am Himmel auf. Erst zögerlich, dann immer dynamischer tanzten die Lichter am dunklen Firmament. Zwei Stunden lang vergass ich die Kälte, mich selbst und die Welt um mich herum. Ich gebe schamlos zu: bis anhin rührten mich zwei Naturspektakel unverzüglich zu Tränen der Faszination und Überwältigung: springende, spielende und tauchende Wale in freier Wildbahn. Und Nordlichter. Wenn ich Morgan Freeman und Jack Nickolson wäre, ich würde die Beobachtung dieser zwei Phänomene unbedingt auf meine Bucket List schreiben. Und wenn ich euch wäre auch.

Nordlicht1 Nordlicht2

Vergleich2Polarlichter (Nordlichter oder Aurora borealis am Nordpol und Südlichter oder Aurora australis am Südpol) entstehen durch ein Zusammenspiel von Prozessen in der äussersten Schicht der Sonne und dem Magnetfeld der Erde. In der Korona am Rande der Sonnenatmosphäre führen Temperaturen bis zu 4 Millionen Kelvin zu einer Aufspaltung von neutralen Atomen. Das resultierende Teilchengemisch aus Protonen und Elektronen wird von der Sonne als so genannten Sonnenwind ausgesendet. Etwa 1 Million Tonnen Materie strömen pro Sekunde mit Geschwindigkeiten von bis zu 1000 Kilometern pro Sekunde in den Weltraum. Mit dieser Überschallgeschwindigkeit benötigen die Sonnenwindteilchen gut drei Tage, um die 150 Millionen Kilometer von der Sonne bis zur Erde zurückzulegen. Durch den Druck des Sonnenwindes wird das Magnetfeld der Erde, das unseren Planeten von dem Partikelstrom abschirmt, in eine kometenhafte Form gezwungen: Auf der Sonnen-zugewandten Seite wird die Magnetosphäre zusammengepresst, auf der Nachtseite werden die Magnetfeldlinien wie ein Schweif mehrere Millionen Kilometer in den Weltraum gezogen. Streift der Sonnenwind an der Erde vorbei, können die geladenen Teilchen in die Magnetosphäre sickern und sich in der Plasmaschicht, die über Magnetfeldlinien mit polnahen Gebieten der Erde verbunden ist, ansammeln. Entlang dieser Linien dringen die Elektronen und Protonen spiralförmig in die Erdatmosphäre ein. Dort stossen sie mit Luftmolekülen zusammen und regen diese an. Dabei wird ein Elektron, z.B. eines Sauerstoffatoms, auf eine höhere Schale gehoben. Beim Zurückfallen in den Grundzustand wird Licht emitiert, das als Polarlicht beobachtet werden kann. Die verschiedenen Farben des Lichts hängen von der Gasart in unterschiedlichen Atmosphärenhöhen und der Energie der geladenen Teilchen ab. Grünes Licht entsteht durch Sauerstoffatome, die in gut 100 Kilometern Höhe angeregt werden, rotes Licht durch Sauerstoffatome in ca. 200 Kilometern Höhe. Angeregte Stickstoffatome senden blaues bis violettes Licht aus. Zur Anregung von Stickstoffatomen sind allerdings sehr hohe Energien nötig, weshalb sich diese Farben weniger häufig und nur bei starken Sonnenwinden beobachten lassen.

NordlichtEntstehungDie Entstehung des Polarlichts war lange bloss eine angezweifelte Theorie.  Seit 1959 eine sowjetische Sonde die Existenz des Sonnenwindes nachweisen konnte, ist sie jedoch aus wissenschaftlicher Sicht nicht mehr umstritten. Blickt man hingegen von unten in ein von Nordlichtern beleuchtetes Himmelsfirmament, erscheinen plötzlich alternative Erklärungsversuche durchaus plausibel:

  • Die Finnen bezeichnen die Aurora Borealis als Revontulet, was so viel wie Fuchsfeuer heisst. Der Name entstammt einem finnischen Mythos, wonach die Nordlichter von einem magischen Fuchs erzeugt werden, der mit seinem Schwanz über den Schnee streift und ihn an den Himmel sprüht. (Fabelhaft)
  • Die Saami (früher Lappen genannt), die Ureinwohner des Lapplands (Nordfinnland, Nordschweden, Nordnorwegen), sehen in den Lichtern die Energien verstorbener Seelen. Sie glauben, wer auch immer die Nordlichter nicht ehre, dem würde ein schlechtes Schicksal beschert werden. (Glaube ich auch, wer dieses Phänomen nicht ehrt, ist gefühlskalt.)
  • In Norwegen gelten die Lichter als Seelen von alten, tanzenden Mädchen, die vom Himmel her winken. Auch in Schottland werden die Lichter „merry dancers“ genannt, und viele Inuit- und Indianer-Stämme assoziiern die Lichter mit tanzenden Wesen, seien es Kinder oder Tiere oder verstorbene Verwandten. (Merry dance, old fellows!)
  • In der klassischen griechischen Literatur galten die Lichter als Sinnbilder für Helden- und Götterkämpfe im Himmel und bedeuteten ein schlechtes Omen für Krieg und Krankheit. Auch die Point Barrow Inuit oder die Fox Indianer betrachten die Lichter als teuflisches Phänomen und als Zeichen von Krieg und Pestilenz. Sie interpretieren die Lichter als Geister von getöteten Feinden, die ruhelos vor Rache versuchen, wieder aufzuerstehen. (Die Griechen waren schon immer Dramatiker.)
  • Die Mandana Indianer von North Dakota erklären die Nordlichter als Feuer, über welchem der grosse Medizinmann und Krieger der nordischen Nationen seine Feinde in einem riesigen Topf gart. (Mannomann!)
  • Für die Menominee Indianer von Wisconsin sind die Nordlichter Fackeln von grossen, freundlichen Giganten im Norden, die sie in der Nacht benötigen, um mit Speeren fischen zu können. (Meine Lieblingserklärung)
  • Die Algonquin Indianer glauben, dass ihr Schöpfer, nachdem er die Erde geformt hatte, Richtung Norden reiste, um dort ein Feuer zu entzünden, das die Menschen an seine ewige Liebe zum Volk erinnern sollte. (Glaube versetzt Feuer.)nordlicht3

So unterschiedlich diese Erklärungen sind, so klar zeigen sie auf, dass Polarlichter ein ausserordentliches, manchmal unheimlich anmutendes, faszinierendes, ja überwältigendes Phänomen sind, das in einer der ältesten Aufzeichnungen aus der Wikingerzeit (1250 v. Chr.) wunderbar treffend beschrieben wurde:

„Diese Nordlichter haben die Eigenart, dass sie um so heller sind, je dunkler die Nacht ist. Sie erscheinen immer bei Nacht, aber niemals bei Tag, und am häufigsten in der grössten Dunkelheit und selten im Mondschein. Ihr Aussehen gleicht einer gewaltigen Feuerflamme, die man aus grosser Entfernung sieht. Es scheint auch so, als ob scharfe Punkte von dieser Flamme in den Himmel hinausschiessen, die oft unterschiedlich hoch und in fortwährender Bewegung sind, und jetzt schiesst eines, dann ein anderes hoch, und das Licht scheint wie eine lebende Flamme zu lodern…“

Ich frage euch nun, was gibt es Schöneres als Nordlichter am Himmel zu sehen? Vielleicht zu beobachten, wie Wale vor einem von Nordlichtern erhellten Himmel springen. Aber das wäre dann doch eher ein Lottogewinn. Die Monate September bis März versprechen übrigens die besten Aussichten, die Lichtershows am Nachthimmel beobachten zu können. Also, nicht zögern, Koffer packen und gen Norden reisen. Oder, bis Geld und Zeit gespart sind, den Nachthimmel einfach ins Büro zaubern.


Quellen und weiterführende Links:
[1] Nordlicht.ch
[2] Visit Norway
[3] Kilian, U. 2001. Polarlichter – Atomphysik am Himmel. Physik Journal 1:2.
[4] Wikipedia (immer verwendet, nie zitiert)

Ein Gedanke zu „Es werde Licht

  1. Die Fotos sind phantastisch (von wem stammen sie?).
    Und die Theorie ist gut erklärt und verständlich, zumindest für einen Naturwissenschaftler.

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