Tapezieren geht über Studieren!

Kennst du diese Ikea Anleitungen? Die, die jede(r) verstehen sollte? Wirklich JEDE(R). Und die doch so gezeichnet sind, dass die entscheidende Schraube zwei Schritte vor der Vollendung des Möbelstückes plötzlich fehlt, weil du sie irrtümlicherweise (in Schritt 3 von 45) ins falsche Loch eingepasst hast. Oder die linke Schranktüre seltsamerweise auf der rechten Seite aufschwingt. Oder die Vorderwand zur Rückseite zeigt. Auf dem Kopf stehend, versteht sich. Ja, du kennst sie. Kennst du das ambitionierte Unterfangen, ebendiese Ikea Anleitungen in Gemeinschaftsarbeit mit deinem Partner auszuführen? Zur Auffrischung eingerosteter Erinnerungen ein kurzer Auszug aus einer möglichen Konversation eines Heimwerkerpaares: „Weli Schruube mussi neh?“ – „Die chlii.“ – „Und i welles vo dene drü Löcher?“ – „Is lingge.“ – 20 Minuten später – „Aber du häsch doch gseit die CHLII! Und sowieso, isch DAAS für dich LINGGS?! Oh mann, mir bruuched JETZT die chlii Schruube, und chönd gad nomal vo vorne aafange!!“ (ja, der Fatalismus ist des Ikea-Möbelbauers treuster Gefährte) – „Aso, ICH cha au nüt defür, wenn DAAS für dich chlii isch! (mit theatralischer Geste, die völlig übertrieben den Unterschied zwischen gross und klein illustrieren soll) Musch halt au chli mitstudiere! Und ich cha ersch rächt nüt defür, dass du linggs und rechts nöd chasch unterscheide. Aber gäll, mär seit ja, Mänsche, wo das nöd chönd, sind bsunders kreativ…“ (mit ironischem Unterton). Ja, du kennst auch die eben geschilderte Situation.

callsibylfüranleitungDie schlechte Nachricht ist, dass auch Tapezieren zu zweit besser gelingt als alleine. Die gute Nachricht ist, dass die folgende Anleitung alle möglichen Konfliktpotentiale bereits vorwegnimmt und somit einer friedvollen, kooperativen und erfolgreichen Tapezier-Aktion nichts im Wege steht.

Das grob skizzierte Vorgehen sollte unbedingt mit einer detaillierten Anleitung (siehe auch Schritt 5) ergänzt werden. Für weitere Fragen, insbesondere zur Bewältigung trotz aller Vorwarnung entstehender Unstimmigkeiten, stehe ich jederzeit zur Verfügung.

tapezierwerkzeug

  1. Tapete auswählen. Konfliktpotential: Grundsatzdiskussion über guten Geschmack („Waaas, daaas gfallt dir?! Vill z’bünzlig/altmodisch/floral…“). Tipp: Wir haben unsere Tapete über Designers Guild gefunden. Und waren uns im Übrigen ziemlich schnell einig.
  2. Wand ausmessen und benötigte Tapetenfläche, bzw. – bahnen berechnen. Konfliktpotentiale: Massband „richtig“ halten (so wie ein Handwerker), Massband „gerade“ halten, Massband so halten, dass der andere die Länge der Wand ohne Probleme ablesen kann, Genauigkeit der Ausmessung, mathematisches Vorgehen zur Berechnung der Anzahl Tapetenbahnen (Mathe-Nieten überlassen diesen Punkt besser stillschweigend und im Eingeständnis ihrer Zahlenschwäche der algebraisch versierteren Person. Sie kann es wahrscheinlich wirklich besser. Und ein paar Zentimeter Tapete zu wenig wären dann doch schaurig ärgerlich). Tipp (für Pedanten): Eine alte Handwerker-Weisheit besagt: „Uf de Bauschtell isch nie alles so haargnau, da musch immer biz aapasse“. Ergo: vergesst den Milimeter.
  3. Tapete bestellen und abholen. Konfliktpotential: Verantwortlichkeit für die Anschaffung der Tapete („Ich muss hüt sooo lang schaffe…mi händ no sone Sitzig, die gaht sicher eewig“ – „Aber ich ha Training und denn wetti vorher no öppis esse…“). Tipp: Wir haben unsere Tapete über das Designgeschäft The Chair bezogen. Es bietet eine aussergewöhnliche Auswahl an Möbeln und Einrichtungsobjekten, und alle Tapeten der Marke Designers Guild können direkt über das Geschäft bestellt werden.
  4. Möglichst grossen Tisch mit Plastik (nicht Zeitungen) abdecken. Konfliktpotential: minim, ausser er hat letzte Nacht wieder einmal einen über den Durst getrunken und so stark gewütet und geschnarcht im Bett, dass sie extrem erschöpft und aus unersichtlichen und ungerechtfertigten Gründen plötzlich total beleidigt ist. Und dabei hat er doch gar nichts gesagt. Oder doch? (Keine Ahnung, der Kater betäubt das Kurzzeitgedächtnis und die Fähigkeit zur Empathie). Die Rollenverteilung geht imfall auch umgekehrt.
  5. Anleitung zum Anbringen einer Tapete studieren. Konfliktpotentiale: Streit um die „beste“ Anleitung, Desinteresse seitens einer Person bezüglich einer 30seitigen Dokumentation oder eines halbstündigen Youtube-Videos, Verhandlung um die Position des Tapetenmeisters mit Befehlsmacht aber auch der finalen Verantwortung. Tipp: Wir haben uns am Ende auf eine Youtube-Anleitung geeinigt. Beziehungsweise der Tapetenmeister – bei uns war das leider aus guten Gründen (Ungeduld, Tendenz zum Fatalismus, weniger handwerkliche Erfahrung) nicht ich) – hat diese Anleitung gewählt.
  6. Tapeten zuschneiden. Konfliktpotential: Da die Tapetenbahnen meist gerollt sind, bergen sie – wie alles Gerollte – das nervige Potential, sich immer wieder in ihren Ausgangszustand zurückzurollen. Sprich, derjenige, der die Tapete hält (der andere schneidet), sollte sie WIRKLICH halten. Tipps: die Bahn etwas länger als die Wand zuschneiden, alle folgende Bahnen im Muster auf die erste Bahn anpassen.
  7. Kleister anmischen. Konfliktpotentiale: Diskussion über die optimale Konsistenz des Kleisters, Pedanterie versus Intuition beim Anmischen des Kleisters, Übelkeitsgefühle ausgelöst vom Geruch des Kleisters bei der verkaterten Person. Tipp: Kleister eher dickflüssig machen, das heisst etwas mehr Kleister als das Mischverhältnis vorschreibt in Wasser lösen.
  8. Erste Bahn einkleistern. Konfliktpotential: Menge des aufzutragenden Kleisters. Tipp: Wir hatten keine Ahnung: Tapezieren geht über Studieren!
  9. Tapete gemäss Zeichnung (oder Anleitung im Film) einschlagen und einrollen. Konfliktpotential: Überlappende oder nicht überlappende Enden? – das ist hier die Frage. falten
  10. Kleister etwa 15 Minuten einwirken lassen. Konfliktpotential: Gefühlte Dauer von 15 Minuten (natürlich vergessen beide, auf die Uhr zu schauen).
  11. Wand einkleistern. Konfliktpotential: siehe 8). Tipp: Tapezieren geht über Studieren!
  12. Erste Tapetenbahn anbringen (eine Person hält, die andere richtet nach unten aus). Konfliktpotentiale: Diskussion, wer von beiden über das bessere Auge verfügt („Schpinnsch, das isch voll schräg!“) und die ruhigere Hand besitzt („Hör mal uf so zitterä!“). Tipps: falls vorhanden, Wandleiste abschrauben, dann entfällt zumindest unten das Problem des Versäuberns; wenn eure Wand sehr uneben ist („so wissi Bömbeli hät“), einfach am oberen und unteren Tapetenende zwei kleine Nägelchen einschlagen.
  13. Zweite Bahn anbringen (eine Person hält oben, die andere passt das Muster an). Konfliktpotential: Genauigkeit (während der einen Person die Arme abfallen, ist sich die andere Person nicht ganz sicher, ob die Tapete vielleicht noch ein Mü hinauf oder doch eher ein Mü hinab sollte…). Tipp: Tapezieren geht über Studieren!
  14. Schritte 8-13 für alle Bahnen wiederholen. Konfliktpotential: abgeschwächt, schliesslich lernen wir ja aus unseren Fehlern…
  15. Kanten zuschneiden. Konfliktpotential: wer übernimmt die schwierige Aufgabe? (Der Tapetenmeister!) Danach: „Ou mann, hesch müsse so luut schnuufe, drum bini voll schräg worde une…“ und den ganzen Rattenschwanz an Diskussionen, den eine solche Aussage mit sich ziehen kann. Es sei denn ihr öffnet ganz schnell einen Champagner und stosst auf eure schöne, neue, unten-vielleicht-1mm-schräge-aber-wen-interessierts Tapetenwand an! Und darauf, dass ihr ja eigentlich doch ganz gut miteinander heimwerkeln könnt.

Bei uns sieht das Resultat übrigens so aus:

tapete

Und die Geweihe?

Ach ja, die Geweihe…(ich wusste, diese Frage würde auftauchen)

Die Tochter von Freunden hat mich bei ihrem letzten Besuch gelehrt, dass man immer auf jede Frage eine Antwort, und zu jedem Thema eine Meinung haben muss: „Was isch das?“ (Finger auf das Geweih gerichtet) – „Es Gweih.“ – „Vo wellem Tier?“ – „Vome Gemsi.“ – „Wo häts gwohnt?“ – „Ide Schwiiz…(puh)“. In Gedanken spiele ich das Quiz, bzw. die Inquisition weiter: „Wer häts gschosse? Warum? Findsch Jagd eigentli guet?“ Ich gerate ins Schwitzen…Nun, die farbliche Gestaltung der Geweihe (Acrylfarben zu hellblau und pink gemischt), die ich übrigens für lau auf dem Flohmarkt erworben habe, sollten der Trophäenkollektion einen ironischen Unterton geben…Ganz konsequenten Jagdgegnern, deren Haare sich auch beim Anblick der bunten Schädel noch sträuben, kann ich zwei moralisch 100% korrekte Alternativen empfehlen: 1. Tierköpfe aus farbigen Kartonbögen nach Vorlage basteln (Papierskulpturen von Paperwolf), 2. Restkleister vom Tapezieren verwerten und  Tierbüsten selber modellieren (zur Anleitung).  Und solltest du auch für diese Varianten bloss ein Kopfschütteln übrig haben, bleibt mir nur folgendes zu sagen: ich habe beim Besuch von klein Anna noch etwas anderes gelernt: nach kritischer und todernster Prüfung der Tapetenwand sagte die Innenarchitektin in spe nämlich zufrieden: „Mir gfallts!“  Nun denn: mir auch. Und das ist schliesslich das Wichtigste!

4 Gedanken zu „Tapezieren geht über Studieren!

  1. Tapezieren wäre definitiv nichts für mich, da müsste ich alles einem Tapeziermeister überlassen, einem privaten (du/ihr) oder einem Profi. Bin viel zu wenig genau und geduldig.
    Quote of a friend of mine: einen IKEA Kasten oder ein IKEA Gestell zusammenbauen ist ein echter Partnerschaftstest!

  2. Hoi Sybil
    super Blog, super Sach, ich verfolge gärn wiiter, was du Raumsch und Traumsch.
    aber de Besserwüsser i mier cha sich de Kommentar nöd verkneiffe, dass es Reh-Gweih sind (und Gämsi Ghörn händ). sorry
    und ganz liebi Grüess
    Chrigi
    (lang ists her, UMNW)

    • Wusst ichs doch. Beziehungsweise: wusste ichs eben nicht. Als mich die Kleine gefragt hatte, dachte ich zum ersten Mal darüber nach (erstaunlich wie wenige Fragen wir „Erwachsenen“ uns doch manchmal stellen) und ich konnte mir just in diesem Moment eigentlich gar kein Tier vorstellen, dass ein solches Geweih besitzt. Ich stelle mir Rehe immer grösser vor als sie in Wirklichkeit sind und dachte, das muss ein Tier sein, das ein bisschen kleiner ist und auch ein „Geweih“ (für den Laien Gehörn=Geweih) hat… Danke für die Korrektur! (Das wären wohl die Basics des UMNW-Studiums gewesen…)

  3. Pingback: 15: Tablete für die Fete | mein [t]raum

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