Im Banne des Feuers

Weite ockerfarbene Ebenen. Vereinzelte Wege, die sich orange durch die karge Landschaft schlängeln. Wie Oasen blitzen Gruppierungen von Bäumen, einzelne Pflanzen auf. Ich sitze im Taxi-Brousse von Antananarivo nach Mahajanga, nicht bequem, nicht unbequem. Der Madagasse neben mir erzählt, dass alles einmal grün war. Tout était vert. Alles wurde gerodet. Tout est brûlé. Mir wird schlecht (ein bisschen). Ich schliesse die Augen. Drei Stunden später. Die Umgebung hat sich nicht verändert. Ich versuche, meine Beine zu strecken. Ein unmögliches Unterfangen. Es ist warm, heiss geworden. Irgendwie friedvoll, diese Fahrt, mit neun anderen Madagassen und dem Engländer, der wahrscheinlich Franzose ist. Man fühlt sich wie in „Knockin‘ on heavens’ door“. Vorfreude auf das Meer, das sich in der unendlichen Weite der Ebene nicht zeigt. Der Himmel färbt sich langsam, erst violett, dann rötlich, orange und gelb. Konturen von Häuschen aus Palmenblättern stechen schwarz aus der toten Mondlandschaft und dem Farbenspiel des Hintergrundes hervor. Der Taxi-Brousse-Fahrer spielt melancholische madagassische Musik. Am Horizont zeichnet sich die letzte schwarze Palme ab, bevor das Rot dem Schwarz weicht, das alles gleich macht. Über uns die Sterne, vor uns die holprige Strasse, unter uns allmählich unbequem werdende Sitzbänke. Plötzlich tauchen Flammen auf. Wunderschön leuchten und tänzeln sie im dunklen Hintergrund, grauenhaft ihr Ziel. Ein unerträglicher Hitzeschwall strömt dem Taxi-Brousse entgegen. Verklärung. Die Beine schmerzen, der Kopf auch. Die Musik wird langsamer, melancholischer, schmutziger. Rhythmisch bewegen sich die Hitzewellen auf uns zu. Immer wilder und höher türmen sich die Flammen in nächster Nähe, drohen, über uns zu zerbrechen. Ich kann nicht mehr atmen. Alles ist gellend heiss. Weisses Licht blendet meine Augen, Rauch füllt meine Lungen.

taxi-brousse FeuerMadagaskar

Schweissgebadet erwache ich aus meinem Traum. Vor 12 Jahren lebte ich während ein paar Monaten in Madagaskar. Ich bin wieder weg, das Feuer ist geblieben. 120‘000ha Wald werden jährlich auf der Insel zerstört, zu einem Grossteil durch Brandrodung. Weniger als 10% der ursprünglichen Waldfläche sind heute noch erhalten. Die Ausbeutung der roten Insel, benannt nach ihren ausgebrannten, unfruchtbaren und mit rotem, oxidiertem Eisen angereicherten Böden, widerspiegelt die weltweite Abholzungs- problematik. Täglich verschwinden ca. 64‘000ha Waldflächen von der Erde, im Laufe der letzten zwölf Jahre wurden 1.5 Millionen km2 ursprüngliche Wälder zerstört. (Wo und wie sich der globale Baumbestand seit Beginn dieses Jahrhunderts entwickelt hat, zeigt auf eindrückliche Weise eine räumlich hoch aufgelöste, interaktive Weltkarte eines internationalen Forscherteams). Wir Europäer sind entfacht: Ressourcenplünderung, Habitatzerstörung, Klimaerwärmung! Und doch: die Wälder brennen weiter.

grösseschrumpf
Waldzerstörung in den letzten 12 Jahren (Bild: Zeitonline, 2013)

Auf Sparflamme – Nachhaltiger Wanderfeldbau

UrsachenEntwaldungBrandrodung ist eines der ältesten und weltweit verbreitetsten Verfahren, Primärwaldflächen für die landwirtschaftliche Produktion zu gewinnen und die Hauptursache der verglühenden Wälder der Erde. Bereits im Steinzeitalter vor 10‘000 Jahren wurde im Reisbau in China Feuer eingesetzt, und im Laufe der Jahrtausende verbreitete sich die Technik über alle Kontinente zur Gewinnung von Weide- und Anbauflächen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war die Brandrodung im ursprünglichen Rahmen des Wanderfeldbaus eine durchaus nachhaltige Bewirtschaftungsform: Für die landwirtschaftliche Produktion vorgesehene Flächen wurden zu Beginn der Trockenzeit manuell gerodet, der Schlagabraum wurde über mehrere Wochen zum Trocknen liegen gelassen und schliesslich angezündet. Das Feuer mobilisierte die in der Biomasse gespeicherten Nährstoffe und machte sie der landwirtschaftlichen Produktion in Form von Asche verfügbar. Das Saatgut wurde direkt in den Asche-gedüngten Boden gepflanzt und oft mit zusätzlicher geschlagener Vegetation bedeckt, um die Fruchtbarkeit des Bodens weiter zu erhöhen und die Keimlinge vor Erosion zu schützen. Die Felder wurden für drei bis fünf Jahre bewirtschaftet, bevor sie aufgegeben, zurückgelassen und einer ausreichend langen Regenerationsphase von mindestens 15 Jahren überlassen wurden. Während dieser Brachezeit etablierte sich ein Sekundärwald, der Nährstoffe wie Stickstoff, Kalium oder Magnesium über die Atmosphäre zurück ins Ökosystem eintragen konnte. Die traditionelle Brandrodung richtete kaum Schäden an Wäldern an, das regelmässige kontrollierte Feuer verringerte sogar die Waldbrandgefahr in betroffenen Gebieten.

In Brand gesteckt – Bevölkerungsdruck, Nahrungsknappheit und Korrumption

Das drastische Bevölkerungswachstums im 20. Jahrhundert erhöhte den Druck auf das Land enorm. Nicht nur ergaben sich plötzlich Konflikte zwischen verschiedenen Landnutzungen (Siedlung, Industrie, Landwirtschaft,…), die zur Grundversorgung bewirtschafteten Flächen mussten auch immer mehr Mäuler stopfen. Dadurch wurden die Bauern zu immer kürzeren Produktionszyklen mit Brachezeiten bis unter 5 Jahren gezwungen. In tropischen Ökosystemen sind ca. 80% der Nährstoffe in der Vegetation gespeichert und nur 20% in der dünnen Humusschicht des Bodens. Der Nährstoffspeicher von brandgerodeten Flächen ist deswegen schnell erschöpft und die Böden sind nur wenige Jahre landwirtschaftlich nutzbar. Eine genügend lange Brachezeit zur Regeneration einer nährstoffreichen Waldvegetation ist zentral für eine nachhaltige, konstante Ernte. Der Kreislauf von immer kürzeren Rodungs- und Anbauzyklen resultiert schnell in ausgetrockneten, erodierten und nicht mehr regenerationsfähigen Böden. Die irreversible Zerstörung der Böden führt zu einer weitläufigen Abwanderung der Kleinbauern auf neue, unverbrauchte Landflächen und einem steigenden Druck auf unberührte Waldflächen.

Dennoch, für die meisten weit unter dem Existenzminimum lebenden Bauern ist Land die einzige Ressource und Brandrodung die einzige Option, Nahrung oder Einkommen für die Familie zu erwirtschaften. Das traditionelle Anbauverfahren erfordert weder Maschinen noch kostspieligen künstlichen Dünger. Die wenigen verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen ausserhalb der Wälder werden ausserdem anstatt für die Nahrungsversorgung der einheimischen Bevölkerung oft zum grossflächigen Anbau von Exportprodukten genutzt. Korrumpierte und undurchsichtige Besitzverhältnisse führen dazu, dass Brandrodung, obwohl in vielen Ländern per Gesetz illegal, von Regierungen vieler Länder toleriert wird. Aber nicht nur Bauern betreiben Brandrodung zur Subsistenzwirtschaft, auch Grossgrundbesitzer, Unternehmen oder ausländische Konzessionsfirmen nutzen das Feuer zu ihrem Vorteil. In Indonesien standen 2013 mindestens 14 internationale Plantagenfirmen und Lebensmittelkonzerne in Verdacht, absichtlich illegal Feuer gelegt zu haben. Auf gigantischen Rodungsflächen wird Boden für die Anpflanzung von Monokulturen, insbesondere von Ölpalmen, zur Herstellung von Kosmetika, Putz-, Wasch- oder Lebensmitteln und Biosprit gewonnen.

produktionszyklen

Lichterlohe Waldbrände – Fatale Folgen der Brandrodung

Die Folgen der Brandrodung sind insbesondere auf lokaler Ebene schwerwiegend:

  • Durch Feuer freigelegte Flächen unterliegen schutzlos den Einflüssen von Wind und Wetter. Insbesondere an steilen Berghängen wird die dünne Humusschicht des Bodens bei tropischen Regengüssen fortgespült und in Flusssysteme eingetragen. Das Verschlammen von Flüssen, Tälern und Anbauflächen zerstört nicht nur Fauna und Flora, sondern oft auch wichtige Einkommensquellen der Bevölkerung, z.B. durch Beeinträchtigung der Flussschiffahrt, Ernteeinbussen, Rückgang der Küstenfischerei oder Zerstörung von Infrastruktur.
  • Die fehlenden Wälder verursachen eine Störung des regionalen Wasserkreislaufes. Der Wald verhält sich wie ein Schwamm, der Regen von tropischen Stürmen aufnimmt, den Boden festigt und in regelmässigen Abständen Wasser wieder abgibt. Diese regulierende Funktion des Regenwaldes kann dazu beitragen, sowohl vernichtende Fluten als auch Dürreperioden abzuschwächen. Ein fehlendes geschlossenes Kronendach reduziert die Verdunstung und verändert die systemische Wärmezirkulation. Es bilden sich weniger Regenwolken, der Niederschlag geht zurück und kann in einem Rückkoppelungsprozess eine steigende Austrocknung von benachbarten Waldflächen auslösen. Ausgetrocknete Waldflächen sind anfälliger für Waldbrände und können die Sicherung von Trinkwasser nicht mehr gewährleisten. Verluste von Trinkwasservorräten haben starke Auswirkungen auf das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Klima in einem Land und können nicht zuletzt auch Kriege anzetteln.
  • Die Brände zerstören Lebensraum von Tieren und Pflanzen mit fatalen Folgen für die Biodiversität. Die anhaltende Zerstörung der Wildnis führt nicht nur zu einem Massensterben verschiedener Arten, sondern zwingt Tiere auch zur Futtersuche ausserhalb ihres natürlichen Lebensraumes, was zu verstörenden Begegnungen mit und tödlichen Angriffen auf Menschen führen kann.
  • Brandrodungen verursachen Smog mit schweren gesundheitlichen Folgen für Menschen und Tiere in der Region.

Gleichzeitig treibt die Brandrodung den Treibhauseffekt zweifach an: einerseits setzen die Brände ständig Kohlendioxid in die Atmosphäre frei und gleichzeitig wird die grüne Lunge der Erde immer mehr zerstört (22% des anthropogenen Treibhauseffektes wird auf Brandrodung zurückgeführt).

BrandrodungFolgen

Nur noch Schutt und Asche? – Wie weiter?

BrennendeWeltBrandrodung kann auf Grund der komplexen Wechselwirkungen zwischen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Komponenten des Bewirtschaftungssystems nicht eingestellt oder verboten werden, ohne Millionen Menschen ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Historische Ansätze zur Erhaltung und zum Schutz der ursprünglichen Wälder sind gescheitert. Die Absperrung von Waldflächen als Reservate und Parks haben weder die Brandrodung eingedämmt, noch die Lebensqualität und die wirtschaftlichen Möglichkeiten von armen Landbewohnern verbessert. Im Gegenteil: Korruption hat die Situation nur verschlechtert. Das tagtägliche Überleben der einheimischen Bevölkerung hängt von der Nutzung der natürlichen Ressourcen ab. Strategien zur Eindämmung der Brandrodung müssen einhergehen mit Verbesserungen des Wohlergehens der einheimischen Bauern und längerfristig drei Ziele anstreben: 1) Erhaltung von möglichst vielen Beständen, 2) Wiederherstellen von degradierten Ökosystemen, 3) kompletter Schutz von Waldflächen.

Um möglichst viele bestehende Waldflächen zu erhalten, muss die Brandrodungskultur in Produktivität und Umweltverträglichkeit optimiert werden, etwa mit

  • Eingriffen in das Ökosystem (z.B. Anreicherung der nachwachsenden Sekundärvegetation mit schnellwachsenden Baumarten, die in kurzer Zeit ein hohes Biomassevolumen erreichen, und Leguminosen, die Stickstoff aus der Luft binden und auf der Fläche anreichern oder Verbesserung des Bodensubstrats mit Holzkohle, um die Nährstoffe zu binden);
  • Technischen Massnahmen und Verzicht auf Feuer, z.B. durch Mulchen, d.h. maschinelles Zerkleinern der Biomasse und Belassen des Schlagabraums auf der Fläche, damit die im Verlaufe der Verrottung freigesetzten Nährstoffe auf der Fläche bleiben;
  • Alternativen Bewirtschaftungsformen, z.B. Agroforstwirtschaft, Permakultur oder Etagenanbau: in der oberen Etage werden grosse Bäume genutzt, z.B. Kokosnüsse, in der mittleren Etage können die Bauern Bananen, Zitrusfrüchte oder Mangos ernten, auf dem Boden wächst Gemüse, und im Boden Wurzeln und Maniok. Für die Entwicklung und Umsetzung von lokal angepassten Bewirtschaftungsformen ist der Einbezug traditioneller Methoden und des Wissens von Ureinwohnern zentral.

Ein zweiter entscheidender Faktor, das Ausmass an Rodungsflächen einzuschränken, besteht darin, den Landwirten ein offizielles Anrecht an ihrem Land zu gewähren. Der Anreiz, einen Bestand längerfristig intakt zu halten oder sogar zu verbessern ist gering ohne Aussicht auf Eigentumsrechte. Sobald Ortsansässige einen Anteil an ihrem bewirtschafteten Land besitzen, steigt das Interesse für eine effiziente und nachhaltige Nutzung. Schlussendlich ist die Aufklärung und Sensibilisierung der lokalen Bevölkerung zentral. Viele Umweltorganisationen lancieren Projekte, die Wissen zu landwirtschaftlichen Anbaumethoden vermitteln und den Einheimischen die Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlage zu erklären versuchen.

Zusätzlich kann eine vernünftige Nutzung von bereits gerodeten und abgeholzten Gebieten die Notwendigkeit, zusätzlich Wald zu roden, vermindern. Auch hier bieten die jahrhundertealten Traditionen der Eingeborenenvölker grosse Hilfe, die Produktivität der Bauernhöfe, Plantagen und Weiden zu erhöhen, und die Arten und Ökosysteme des verarmten Lebensraumes wiederherzustellen. Zum Beispiel reichern Einwohner des Amazonasregenwaldes den ausgelaugten Ackerboden mit Kohle und Tierknochen an und erhöhen so auf natürliche Weise seine Fruchtbarkeit.

Schliesslich sollten die bisherigen Bemühungen zum Schutz von Wäldern weiter verfolgt werden. Allerdings müssen Schutzreservate so entwickelt werden, dass sie den lokalen Gemeinschaften Einkommen generieren. Ökotourismus ist eine Möglichkeit, solche Projekte durch Parkeintrittsgebühren, Anstellung von örtlichen Bewohnern als Führer oder durch Kunsthandwerk und Dienstleistungen finanziell zu unterstützen. Eingeborene müssen wenn immer möglich in das Parkmanagement und die Überwachung illegaler Rodungstätigkeiten miteinbezogen werden. Schlussendlich müssen Menschen, die ihre bestehenden Existenz und Haushalte dem Reservat überlassen, entsprechend entschädigt werden.

Der Traum wird mich noch den ganzen Tag verfolgen. Ich spüre, wie sich die Hitze als Sinnbild der Machtlosigkeit des Systems in meinen Gliedern breit macht und mich lähmt. Mit den angedachten Lösungen bin ich nicht gänzlich zufrieden. Zu langsam die Veränderung, die sie bringen. Zu wenig bekämpfen sie die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Mechanismen im Hintergrund. Und dann, es ist Abend geworden, bringt mir JRR Tolkien endlich das ersehnte Fünkchen Hoffnung:

“From the ashes a new fire shall be woken,
a light from the shadows shall spring;
renewed shall be blade that was broken,
the crownless again shall be king.”


Quellen und weiterführende Links:
[1] Mongabay
[2] Zeit online
[3] NZZ
[4] Styger et al. 2007. Influence of slash-and-burn farming practices on fallow succession and land degradation in the rainforest region of Madagascar. Agriculture, Ecosystems  and Environment 119: 257-269.
[5] Hansen et al. 2013. High-resolution global maps of 21st-century forest cover change. Science 342: 850.
[6] Hauser et al. 2013. Effects of slash-and-burn agriculture. Encyclopedia of Biodiversity, 6: 551.
[7] Wikipedia (immer verwendet, nie zitiert)

Ein Gedanke zu „Im Banne des Feuers

  1. Super erklärt, aber eher deprimierend. Die Gier des Menschen macht so vieles kaputt und wir werden immer mehr. Das kann ja auf die Länge nicht gut gehen!
    Deshalb ist es wichtig, weiterhin mit Tolkien oder Amélie zu träumen und trotzdem aktiv und engagiert zu sein, im Kleinen wie im Grossen, wie du!

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