„Isch da ächt no en Platz frei?“ – eine Statistik

Im Grundvokabular des Pendlerjargons längst etabliert, hallt diese Floskel zu Stosszeiten sonor durch schweizer Züge, Busse und Trams. Jeder ÖV-erprobte Fahrgast wird gelegentlich versucht sein, die Frage mit „nein, ich benötige den Platz im Abteil für mich alleine“ zu beantworten. Unbequeme, uns Evas oft erdrückende, rappelvolle Taschen (Spontaneinkäufe, Yoga-Outfit, Geburtstagsgeschenke, …) können endlich abgestellt, die Schultern entlastet und Büro-Alltags-Sorgen verdrängt werden. Und nur Sekunden später gefährdet ein (wahrscheinlich essender, telefonierender, stinkender) fremder Fötzel unseren mühsam erkämpften – jeder hat eine geheime Strategie, sich ideale ÖV-Plätze zu ergattern – Freiraum?! Wir Menschen brauchen Platz. Platz, um zu leben, uns zu bewegen, uns zu entfalten und zu entspannen. Wie viel Platz benötigen wir wirklich und wie viel Raum steht uns Schweizern im internationalen Vergleich zur Verfügung? Dieser Frage möchte ich genauer nachgehen, um morgen im Zug meinen essenden, telefonierenden, stinkenden Sitznachbarn abzukanzeln. Oder kleinlaut meine Siebensachen auf, unter und über meinem Sitzplatz zu verstauen. 

globus_mensch

In einem ersten Schritt scheint das Problem trivial. Die Fläche der Erde beträgt 510‘000‘000km2, die Weltbevölkerung wurde zum Jahreswechsel auf 7.2 Milliarden Menschen geschätzt. Jedem Erdenbewohner stehen somit 70‘000m2 unseres Planeten zur Verfügung, etwa sieben Fussballfelder und Fläche genug, eine Villa mit Umschwung zu bauen. Fein also. Vernachlässigen wir allerdings Magellan, Harrer und ähnlich exzentrische Überlebenskünstler, reduziert sich der bewohnbare Lebensraum beachtlich: 70% der Erde werden von Ozeanen bedeckt, die restlichen 30% an Landfläche bestehen wiederum zu 11% aus Hochgebirge, zu 26% aus dichten (vorwiegend borealen und tropischen) Wäldern, zu je 10% aus Eis- und Sandwüste und zu weiteren 10% aus unbesiedelbaren Landformen. Insgesamt bleiben 33% an bewohnbarer terrestrischer Fläche, also 10% des gesamten Globus, 51‘000‘000km2, 7000m2 pro Kopf, zwei Drittel eines Fussballplatzes. Unsere Hollywoodvilla hat sich soeben in ein triviales Einfamilienhaus verwandelt. Aber hey, immer noch genügend Platz für ein Eigenheim mit anständigem Garten, und zwar für mich ganz alleine.

weltdichtekarte

Versuchen wir uns der Frage in einem nächsten Schritt etwas genauer und räumlich explizit anzunähern, zeigt sich die von Gütern wie Geld, Lebensmittel oder Wasser bekannte Verteilungsproblematik auch für den verfügbaren Lebensraum. Die Spannbreite der Bevölkerungsdichten im internationalen Vergleich ist riesig. Das Fürstentum Monaco führt die Statistik mit 16‘000 Personen/km2 an, beschlossen wird die globale Liste durch die Mongolei mit knapp 2 Personen/km2. Prinz Albert in Ehren, doch Monaco ist mehr glamouröser Hafen als messbare Landfläche, illustrieren wir die Platzunterschiede also anhand von Bangladesch, mit ungefähr 1000 Personen/km2 auf Platz 6 der Länderliste mit höchsten Einwohnerdichten. In Bangladesch lebt pro Fussballfeld im Durchschnitt ziemlich genau eine Fussballmannschaft, während jedem einzelnen mongolischen Spieler ganze 50 Fussballfelder zur Verfügung stehen. Die Schweiz liegt mit 180 Einwohnern/km2 auf Rang 46 im internationalen Ländervergleich und muss in Anbetracht der grossflächigen hochalpinen Gebiete erneut räumlich differenzierter betrachtet werden.

bangladesch_mongolei

Wie dicht die Schweiz besiedelt ist, zeigt sich vor allem im Mittelland. Zwei Drittel der Bevölkerung konzentrieren sich im Gebiet zwischen Jura und Alpenbogen, das nur einen Drittel der Landesfläche ausmacht und damit eine Einwohnerdichte von 430 Personen/km2 erreicht. In den meisten grösseren Städten leben weit mehr als 1000 Menschen/km2, in Zürich beispielsweise 4300 an der Zahl. Richtig interessant wird die Karte bei noch höherer Auflösung und einem Blick auf die innerstädtische Raumversorgung. Die Stadt Zürich (wiederholte Gewinnerin im internationalen Vergleich urbaner Lebensqualität) bietet ihren Einwohnern und Einwohnerinnen eine durchschnittliche individuelle Wohnfläche von 41m2. Erneut auffällig sind die räumlichen Unterschiede mit einem deutlich von Stadtkreisen geprägten Muster. Im öffentlichen Raum hat sich Zürich zum (noch nicht überall erreichten) Ziel gesetzt, der Wohnbevölkerung und den lokal Beschäftigten ein quartierbezogenes und zu Fuss erreichbares Freiraumangebot von 8m2 pro Einwohner und 5m2 pro lokal beschäftigter Person zur Verfügung zu stellen.

züri

Summieren wir also auf: Herr und Frau Zürcher stehen ca. 47m2 individueller Wohn-, Frei- und Bewegungsraum zur Verfügung. Im Vergleich mit Millionenstädten wie z.B. Manila mit einer Einwohnerdichte von 43‘000 Personen/km2 (also 10 Mal mehr als Zürich) oder indischen Zügen mit einer geschätzten Personendichte von 10 Personen/m2 (10‘000‘000 Personen/km2)train_india können wir uns keineswegs über die helvetischen Platzverhältnisse beklagen. Woran liegt es also, dass wir immer wieder und (statistisch erhoben) mit steigender Tendenz das Bedürfnis nach zusätzlicher individuell nutzbarer Fläche verspüren und insbesondere in engen öffentlichen Räumen klaustrophobische Ängste entwickeln?

Der amerikanische Anthropologe Edward Hall konzeptionalisiert die Raumansprüche des Menschen mit Hilfe von Zonen um ein Individuum mit unterschiedlichen charakteristischen Radien. In die intime Zone, bis 45cm entfernt von einer Person, dürfen nur Familienmitglieder und sehr gute Freunde eindringen. Innerhalb der persönlichen Distanz von 1.2m sind lockere Berührungen, wie z.B. ein kollegiales Händeschütteln, möglich. Die gesellschaftliche Zone umgibt uns mit einem Radius von 3.6m und bezeichnet den Raum sozialer (nicht haptischer) Interaktionen. Jenseits dieser Grenze liegt der öffesozialezonenntliche Raum, in welchem sich alle bekannten und fremden Personen bewegen. Diese Theorie erklärt mitunter die gefühlte Beklemmung in öffentlichen Verkehrsmitteln: Fremde dringen in unsere Intimzone ein, die für sehr enge Freunde und persönliche Berührungen reserviert ist. Und wie begründet sie die indische Reisetradition? Ralph Adolphs, Professor der Psychologie und Neurowissenschaften betont, dass die Grenzen dieser Zonen nicht nur individuell sehr unterschiedlich gezogen werden, sondern zu einem hohen Grade auch kulturell geprägt sind. Öffentliche Intimität ist in Indien in uns oft fremden Ausdrucksformen an der Tagesordnung. In der mitteleuropäischen Kultur, erklärt Teamdynamik-Experte Armin Poggendorf, ist persönlicher Freiraum ein Zeichen für die Stellung in der Gesellschaft: je höher die soziale Schicht, desto mehr Raumprivilegien kann sich eine Person erwerben. Ausserdem ist das Bedürfnis nach Individualität unabhängig von der gesellschaftlichen Position heute stärker ausgeprägt als noch vor 50 Jahren und wir beanspruchen immer mehr an Entfaltungs- und Geltungsraum.

Vielleicht werde ich morgen im Zug Platz für meinen Sitznachbar schaffen und ihm mit meinen statistischen und psychologischen Erkenntnissen belehren. Oder einfach die Klappe halten und daran denken, was Platzmangel im internationalen Kontext bedeutet, wie die perfektionierte schweizer Infrastruktur uns ermöglicht, im Halbstundentakt auch entferntere (verschneite, sonnige, unberührte) Freiräume zu bereisen und dass der Mensch schlussendlich erst durch die Präsenz von anderen Menschen individuell wird.


Alle Zahlen sind gerundet.
Quellen und weiterführende Links:
[1] Bundesamt für Umwelt
[2] Bundesamt für Statistik
[3] Stadt Zürich
[4] Socioeconomic Data and Application Center
[5] Views of the world
[6] Livescience
[7] Tagesanzeiger
[8] Wikipedia (immer verwendet, nie zitiert)

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